Spirituelles

Ich bin nicht nur Komponistin und Kirchenmusikerin, sondern zuerst und vor allem Ordensfrau.

Das Geistliche Leben in Gemeinschaft ist das GefÀss, aus dem heraus ich alles andere wirke.

Dieses Leben gibt auch meinen Kompositionen eine eigene Note, fliesst gleichsam in sie hinein.

 

Wir sind Olivetaner-Benediktinerinnen und leben im Kloster Heiligkreuz in Cham.

Informationen zu unserer Gemeinschaft finden Sie unter:

 

www.kloster-heiligkreuz.ch

(Scrollen Sie nach unten und Sie werden den einen oder anderen Àlteren Text zum Nach-lesen und Nach-denken finden.)

Jordan und Tabor

Nur zweimal in den Evangelium lesen wir, dass der Vater ‚spricht‘ - hörbar spricht:
•    über dem Jordan bei der Taufe Jesu
•    über dem Tabor bei der Verklärung Jesu

 

Sehr variantenreich ist dieses Reden allerdings nicht. Jedes Mal ist die Aussage gleich einer Stereotypie  dieselbe quasi in drei Schritten:
•    Beglaubigung: mein Sohn
•    Wohlgefallen: an dem ich meine Freude habe
•    Auftrag: auf ihn sollt ihr hören

 

Mehr oder anderes zu sagen, scheint der Vater nicht zu haben! - Und wenn wir darüber nachdenken, genügt es für unseren Glaubensweg vollends:

 

Da steigt ‚ein unbeschriebenes Blatt‘ ins Wasser des Jordan, um sich taufen zu lassen. Hinter Jesus liegen rund 30 Jahre leben und schaffen im Verborgenen, seit Geburt, Darstellung und Wiederfinden im Tempel war den Evangelisten nichts zu berichten  wichtig… Jesus wird wohl gelebt haben wie jeder andere Jude seiner Zeit mit den Pflichten des religiösen, öffentlichen und familiären Lebens. Also kein besonderer Leis-tungsausweis - und doch das Wort des Vaters über ihn und eben dieses unspektakuläre Leben, das nichts von dem, was kommt rechtfertigt oder auch beanspruchen könnte:
MEIN SOHN
AN DEM ICH WOHLGEFALLEN - FREUDE HABE

 

Ist es nicht dasselbe, wenn wir Babys und kleine Kinder taufen (lassen)? Kein Leistungs-ausweis, nur Vorschusslorbeeren - eine ZUSAGE DER LIEBE, die sowohl ins, als auch durchs Leben begleitet.
- Und auf dem Tabor ist es noch einmal VORSCHUSS in einer neuen Dimension:

 

Es ist jenes Auftaktmomentum, das in die Passion münden wird, eine Zusage, die sicher auch bedeutet:
Was immer die Menschen mit Dir tun werden, was immer Du an Erniedrigung und Vernichtung erleben wirst - ICH BIN UND BLEIBE DEIN VATER - DU BIST UND BLEIBST MEIN SOHN - MEINE FREUDE, MEIN WOHLGEFALLEN  AN DIR KANN UND WIRD NICHT GEBORCHEN WERDEN!

 

Dies dürfen wir ebenso auf uns beziehen:
wir sind und bleiben geliebte Kinder des Vaters, was immer das Umfeld und das Leben an und mit uns tut. Ja, auch mit allem, was wir an Schuld auf uns laden.

 

Doch genau darum müssen wir den dritten Aussageschritt ebenso ernst nehmen und beHERZigen:
AUF IHN SOLLT IHR HÖREN.

 

Diese Liebe wird fruchtbar und kommt erst zur eigentlichen Fülle
im Hören auf Jesus

 

Hören aber bedeutet, still zu werden und sein Herz zu öffnen, für jene tiefere, gegenwärtige Gotteswirklichkeit im Leben, die eben mit, in, durch uns in der Welt gegenwärtig und wirksam sein will!

Nicht ‚tut‘ - das würde uns wohl automatisch auf die Schiene des Aktionismus oder Aktivismus führen, sondern hört. Zunächst still werden und sich Gottes Wort, Weisheit und Wille zuwachsen lassen, in einer Weise, in der sie uns soc erfüllen und durchwirken kann, dass sie ‚quasi automatisch‘ zur Tat wird - manchmal auch jenseits von wissen und verstehen - aber stets im Vertrauen:
ICH BIN GOTTES GELIEBTE TOCHTER - GOTTES GELIEBTER SOHN
AN MIR HAT GOTT SEINE FREUDE

 

Diesen Trost und diese Zuversicht wünsche ich uns als Ermutigung auf den Weg. Und zugleich als ‚Sehnsuchtsfunke‘, der uns zum Hören animiert - damit Gottes Wille in und durch uns fruchtbar werden kann.

Die 'Kurve kriegen'

Unlängst hörte ich, wie ein Töfffahrer einem Kollegen erklärte: ‚Wenn Du in die Kurve liegst, musst Du immer ans Ende der Kurve schauen - wenn du vor dich auf den Boden guckst, kommst du nicht mehr raus!‘

 

Da ich keine Töfffahrerin bin, kann ich das nicht bestätigen oder kommentieren - doch der Satz hat mich irgendwie fasziniert!
Mir kam in den Sinn, wie oft auch ich ‚die Kurve nicht kriegte‘, weil ich eben nicht ans Ende schaute - die Schwierigkeiten mutierten zum verschlingenden Ungeheuer, ich war eben ‚voll drin‘.

 

Manchmal kann so ein kleiner abgelauschter (!) Rat aus einem völlig fremden Genre geradezu zu einem Aha-Erlebnis werden und hat

 

Lebensweisheitspotential:

 

•    in Schwierigkeiten trotz allem an ein gutes Ende, einen guten Ausgang glauben, um

      nicht den Mut zu verlieren
•    nicht auf die Schwierigkeiten starren, bis man schier in Hypnose fällt und

      handlungsunfähig wird
•    weg von sich schauen, um Möglichkeit keimen oder helfende Hände zu sehen

 

Bildlich gefasst, finden wir dazu im zweiten Testament der Heiligen Schrift die ‚Seesturmgeschichten‘:
•    jene, wo sich die Jünger im Sturm abmühen und in Panik geraten, derweil Jesus im

     Boot (dazu noch auf einem Kissen!!!) schläft                                                             (Mk 4, 35-41)
•    die andere, in der Jesus gleichsam als ‚Gespenst‘ über das stürmende Wasser läuft

     und sich Petrus hinaus rufen lässt; um und auf sich schaut…. und prompt versinkt

                                                                                                                                                           (Mt 14, 22-33)

 

‚Ans Ende der Kurve schauen‘, kann somit heissen:
•    trotz Erdenwurzeln den Himmelsblick nicht verlieren
•    mit Gott und seiner Hilfe in allen Lagen rechnen

 

…und in dieser vorösterlichen Zeit:
•    Mit aller Kraft laufe ich darauf zu, um den Siegespreis zu gewinnen, das Leben in

     Gottes Herrlichkeit. Denn dazu hat uns Gott durch Jesus Christus berufen.    

                                                                                                                           Phil 3, 14 (nach ‚Elberfelder‘)
•   Ich richte meinen Lauf auf das Ziel aus, um den Siegespreis zu erringen, der unserer

   himmlischen Berufung durch Gott in Christus Jesus verheissen ist.    

                                                                                                                       Phil 3, 14 (nach ‚Zürcher Bibel‘)

 

So wünsche ich uns, dass wir immer wieder ‚die Kurve kriegen‘! - Und uns mit aller Kraft auf Ostern ausrichten - sei es das liturgische Osterfest - oder unser ganz persönliches am Ende dieser Lebenszeit.

Der Baum des Lebens

Man mag wenige Texte der Hl. Schrift im Kopf haben - jene mit dem Apfel ist wohl den meisten geläufig, Adam und Eva, die unerlaubter Weise in die verbotene Frucht beissen… und prompt bekommen, was verboten war, nur wohl ganz anders, als es ihnen die Schlange versprach und sie es sich vorstellten!


Auf diese Episode hin werden sie aus dem Paradies gewiesen mit der Begründung:
"Nun ist der Mensch wie einer von uns geworden. Er erkennt Gut und Böse. Auf keinen Fall darf er jetzt auch noch vom Baum des Lebens essen, um ewig zu leben."    

                                                                                                           1. Mose 3, 22 (Neue ev. Übersetzung)

 

Wir stehen kurz vor Beginn der Österlichen Busszeit - am Anfang des Weges auf Ostern hin.
Von jeher wurde das Kreuz als Baum des Lebens gedeutet - und Jesus Christus als seine Frucht.

 

Jetzt steht der Baum des Lebens also nicht mehr (nur) im Paradies.
Jetzt steht er mitten in unserm Alltag!


Jetzt ist es nicht mehr verboten davon zu pflücken und zu essen -
im Gegenteil:
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!  - ruft Jesus den Menschen zu.                                                                            Matthäus 11,28 (Schlachter)
oder:
Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ist, der wird leben in Ewigkeit.                                                                             Johannes, 6, 51 (Luther 1983)

 

Lockt uns die Frucht des ‚Baumes des Lebens‘ überhaupt noch?! - Oder ist es vielleicht doch wieder jene verbotene Frucht eines ewigen Lebens, das rein irdisch gedacht, nur den Tod aushebeln will, die uns anzieht?

 

Was bedeutet uns LEBEN? - und damit verknüpft: gar ewiges LEBEN - und gedeutet erlöstes LEBEN?
Das Kreuz (siehe Foto) beim Langholz /Oberehret (Hünenberg), hebt es ins Wort:


MEIN GOTT  -  WIE HABEN WIR UNS AN DICH GEWÖHNT

 

Eine Feststellung? Eine An-Frage? Eine Mahnung?


Was ist meine Antwort - auf dem Weg nach Ostern hin?

Die Bibel leben

Mag sein, dass die Überschrift etwas irritiert! Sind wir es uns doch eher gewohnt, die Bibel zu lesen, als die Bibel zu leben, gar zu sein

 

Wenn ich die Heilige Schrift zur Hand nehme, möchte ich darin Christus begegnen, ihn lesen, ihn lernen und damit auch ihn (allmählich und ein wenig…) leben.

Es ist der Wunsch, mit einem offenen Herzen Worte wie Samen aufzunehmen, die Wir-kung ent-falten, und das ganz wörtlich und real!
So denke ich, dass es im Letzten nicht darum geht, die Bibel zu verstehen, sondern eben
die Bibel zu leben.

 

Man könnte einwenden, wie man denn etwas leben, beziehungsweise lernen kann, ohne es zu verstehen. Ein offensichtlicher Widerspruch in sich!


Doch nein:
Wie lernen Kleinkinder sprechen?
Sie verstehen weder die Laute, noch wie diese entstehen - sie ahmen einfach nach - spie-lerisch - und haben daran auch ihren Spass.
Der Verstand, der die Bedeutung der Worte aufschlüsselt, der kommt erst später, wenn man schon längst die Worte zuordnen kann. Dann fängt jene bekannte ‚Warum?-Zeit‘ an, die uns Erwachsene so manches Mal entweder schmunzeln lässt - oder auf die Palme treibt…
Und es braucht weitere Jahre und entsprechendes Interesse, um herauszufinden, wie die Stimmbänder in Schwingung gebracht werden, wie der ganze Sprechapparat funktio-niert… - Selbst wenn sich das Mechanische durchaus ansatzweise verstehen lässt, bleibt doch so manches ein grosses Geheimnis: 
Wie und wo bilden sich Gedanken? - Wie formen sie sich in Laute um? - Wie verknüpfen sie sich mit Bildern und Gefühlen?

 

Die Bibel leben lernen, geschieht auch über Nachahmung - und gleichzeitig über ‚ge-schehen lassen‘.
Wenn ich das Buch öffne, bitte ich um Licht und Begleitung des Heiligen Geistes, dass sich eine Erkenntnis einstellt - diese ist aber zumeist ‚Herzenswissenschaft‘, die ganz an-dere Qualität hat, als die durchdringende Logik des Verstandes. - Ja, manchmal ist es so, dass dieser eher im Dunkeln tappt als das Herz.
Es gibt ein ‚Verstehen mit dem Herzen‘, das weiss, was zu tun ist, ohne es erklären zu können.

 

Darin geschieht ‚Bibel leben‘ - unprätentiös - ohne grosse oder viele Worte - einfach in einem Sein, das sich allmählich verwandelt, durch das, was es nährt. - Wenn wir essen, vertrauen wir auch darauf, dass das mit der Energiegewinnung, Verbrennung und Ver-dauung funktioniert - ohne es zu verstehen.
…vielleicht müssen wir in gleicher Weise zu
BIBEL-ESSERN werden…
…dann wenn die Bibel uns nährt, wird sie auch zur Lebensenergie - und wir werden die Bibel leben - nicht die ganze und auf einmal - sondern unsere je eigenen Bibelkrumen.

Fülle und Buntheit

Im Lukasevangelium 6, 12 ff (ebenso bei Markus [3] und Matthäus [10]) lesen wir von der Auswahl der 12 aus der grossen Jüngerschar - hinein in den engsten Kreis um Jesus.

 

Explizit wird davor erwähnt, dass Jesus auf einen Berg stieg und dort vor der Wahl die ganze Nacht im Gespräch mit Gott - seinem Vater - verbrachte.
Das scheint ja schon mal eine gute Ausgangslage zu sein:
über eine gewichtige Sache beten, mit jemandem im Gespräch sein, um eine möglichst gut durchdachte, ausgewogene Antwort und somit Entscheidung zu finden.

 

Doch:
Trotzdem scheint der Ausgewogenheit keineswegs Rechnung getragen und der Wurm von Anfang an drin zu sein! - Musste diese Wahl nicht von Anfang an fallieren und zum Scheitern verurteilt sein?! Zumal wir in den folgenden Kapiteln nichts von Teambildung oder wenigsten ‚Crash-Kurs‘ in Konfliktmanagement lesen!

 

Lesen wir die Liste durch, kommt da ein ziemlich bunter Haufen zusammen - unter-schiedlichster Charaktere und Hintergründe - und nicht nur das, da waren Leute aus Gruppierungen, von denen man eigentlich wusste, dass sie spinnefeind sind (Zöllner, als Kollaborateur mit der Besatzungsmacht und Zelot als Eiferer gegen die Besatzungs-macht). - Und als wenn da nicht schon genug Zündstoff drin wär, heisst es ganz lapidar zum Schluss: und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde. (Die meisten von mir konsul-tierten Übersetzungen schreiben ‚wurde‘, einige wenige ‚der ihn später verriet‘).

 

Und damit wollte Jesus das Kommen Seines Reiches, des Reiches Seines Vaters begründen?! Und das das Resultat nach einer Nacht des Betens?! - Bleibt einem da nicht der Mund offen? Kann man da noch glauben, Jesus war ‚bei Trost‘?!
Ja, ich denke, Jesus war ‚bei Trost‘ - denn es ist ein Trost, dass Kirche und Reich Gottes aus einem bunten Haufen konträrer Charaktere besteht. - Und das quasi von Anfang an. Von der erste Minute war Sand im Getriebe, Zündstoff im Gemäuer! 

 

Ist das nicht ein ganz klarer Auftrag,  ja sogar eine AUFFORDERUNG:
ich denke, es knüpft an das Gleichnis vom Weizen unter dem Unkraut an (Mt 13, 25 ff) - lasst alles bis zur Ernte wachsen, dann wird es sich weisen und scheiden. Seid nicht übereifrig darauf bedacht, einen cleanen, heiligen Trupp zu schaffen, eine Schlagkraft Gottes gegen alles Unheilige. 
Gott hat einen ganz anderen Blick auf den Menschen und seinen Wert, seine Möglich-keiten - und er gibt jedem seine Chance. Die gilt es zu packen. - Und das kann durchaus fallieren - wie eben bei Judas. Gottes Wahl tastet unsere innerste Freiheit nicht an, löst sie nicht auf. Wir müssen uns für unsere Berufung immer wieder und je neu entscheiden.

 

Und: Wenn wir einen ehrlichen Blick in unser Inneres werfen, müssten wir nicht  sagen:
die Zwölfe sind auch in mir. - Gibt es in uns nicht auch widerstreitende Kräfte und Moti-vationen. Muss nicht auch ich in mir immer wieder ‚Ordnung schaffen‘, die Mitte suchen, die Ausrichtung auf Gott, eine ‚heilige Balance‘ von allem Unheiligen?

 

Ja, es ist ein tröstliches Evangelium - eine frohe Botschaft. Selbst Jesu Entscheidungen waren nicht mit Erfolgsgarantie belegt. Und er nahm jeden mit seinen Möglichkeiten an - und versuchte ihn so einzubinden in DEN grossen Auftrag Gottes:
am Kommen des Reiches Gottes mitzuwirken, mitzubauen.

 

Dabei dürfen wir nicht vergessen, Berufung muss je neu aktualisiert und am Brennen ge-halten werden. Es geht um Versöhnung der verschiedenen Kräfte und nicht auf Redu-zierung auf eine einzig legale Farbe. Die Buntheit erst macht die Fülle aus - eine ver-söhnte Fülle ist erst wirklich Fülle - und erst eine versöhnte Buntheit auch glaubwürdig.

Zwei Sätze

Nicht Vorsätze im eigentlichen Sinn begleiten mich seit Jahresbeginn, kein ‚du sollst‘, oder eben ‚sollst nicht‘, auch kein ‚ich will‘ oder eben ‚ich will nicht‘ - einfach zwei Merksätze.

 

•    Heute ist mein letzter Tag

 

Wenn ich zur Türe herein oder hinausgehe oder mein Blick in diese Richtung fällt, immer dann sehe und lese ich diesen Satz 
•    Heute ist mein letzter Tag

 

Für mich ist es ein Satz, der das Leben durch die Vergänglichkeit leicht macht und durch die Einmaligkeit auch kostbar. 
Er stiftet mich zu angemessenerem Gewichten an: 
Über manches regt man sich auf, das in Minuten schon vergessen ist, wovon in einem Monat keiner mehr redet… Lohnt es sich wirklich?... 

 

Er stiftet mich aber auch zu mehr Bewusstheit an. 
Es kann durchaus sein, dass man gewisse Dinge auf die zu leichte Schulter nimmt - die Jahre spülen mit der Zeit alles den Bach hinunter… Doch nicht umsonst gibt es den etwas saloppen Spruch ‚Wenn man glaubt, dass über eine Sache Gras gewachsen ist, kommt sicher so ein Kamel daher und frisst es wieder weg…‘.
Was möchte ich wirklich liegen lassen, wenn ich gegangen bin? - Nicht einfach an unfertigen Arbeiten und Pendenzen, sondern auch an unaufgeräumten Beziehungen, an ‚zwischenmenschlichen Kollisionen‘, denen mit einer aufrichtigen Entschuldigung, einem vergebenden Wort der Stachel gezogen worden wäre?

 

Und der zweite Satz? - Er begleitet mich in die Nacht, ist an der Rückwand jenes Regals, das am Fussende des Bettes steht, ‚blicksicher‘ aufgehängt:
•    Ich kehre heim in die Liebe Gottes, von der ich schon immer umfangen bin

 

Obwohl ‚Nachtspruch‘, ist er auf solch kleinem Lebensraum auch tagsüber immer wieder im Blickfeld:
•    Ich kehre heim in die Liebe Gottes, von der ich schon immer umfangen bin

 

Das Einschlafen ist als Abschied vom ‚Tagesgeschäft‘ ein Loslassen von aktivem Tun und Entscheiden. Der Schlaf wird seit alters her als ‚kleiner Bruder‘ des Todes angesehen. 
Sterben ist für mich Heimkehr in den Raum der Liebe, aus dem ich einst geboren wurde - Heimkehr in die ewige Liebe Gottes.

 

Dieses Bewusstsein möchte ich stärken:
•    Ich falle immer in die Liebe Gottes 
•    Ich werde immer von der Liebe Gottes um- und aufgefangen

 

So kann ich in allem getrost bleiben.
…und sollte die letzte Not doch ängstigend über mich herein brechen, wird (so hoffe ich) der Klang meiner Seele nur dieses Lied singen:
•    Ich kehre heim in die Liebe Gottes, von der ich schon immer umfangen bin.

So halten mich die beiden Sätze in einer Balance von aktivem Tun und Aufmerksamkeit auf der einen, und vertrauensvollem Los- und Überlassen auf der anderen Seite. 
Die Tage sind kostbar, weil sie einmalig sind.
Die Nächte sind es ebenso, weil sie in den Himmel weisen.
…und das Leben wird zu jener Leiter, die auf der Erde fusst und in den Himmel ragt… Auf ihr steigen die Engel Gottes auf und nieder… Und oben wartet der Herr selbst mit ausgebreiteten Armen.

Vom Geist in die Wüste und vom Teufel in Versuchung geführt

In allen drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) lesen wir davon, wie Jesus nach seiner Taufe vom Geist in die Wüste geführt und dort vom Teufel versucht wurde. Markus ist in seiner Schilderung der Zurückhaltende, der nur die Tatsache als solches bringt, die andern beiden Evangelisten sind da sehr ausführlich im Bericht.

 

Jesus erfährt sich also in der Taufe als ‚der geliebte Sohn des Vaters‘, der Himmel über ihm steht gleichsam offen.

 

Fühlen wir uns in eine solche Sternstunde ein, dann wissen wir, wie beflügelnd solche Erfahrungen sind! Wie sehr man danach gleichsam ‚in Seligkeit badet‘.  Man könnte die Welt umarmen, Bäume ausreissen, die Sterne vom Himmel holen… oder was auch immer!

 

In dieser (möglichen) Stimmung also wird Jesus vom Geist in die Wüste geführt. WAS erwarten wir von der Führung des Geistes? - Einen Gang in die WÜSTE und dort VERSUCHUNG?! - Wohl kaum! Fast möchte man fragen, ob das nun nicht eine abgekartete Sache ist! Ein ziemlich schmutziger Deal?!
- Doch so kann es wohl kaum gemeint und beabsichtigt sein… - müssten wir sonst nicht an Gott zweifeln, gar ver-zweifeln, wenn er mit uns ein solches Spiel triebe:
•    Zunächst: geliebter Sohn - geliebte Tochter
•    dann: dem Teufel (zum Frass) vorgeworfen

 

Wie könnte beides (Führung des Geistes und Versuchung des Teufels) sonst noch zusammengehen?

 

Da ist einmal die Wüste. - Sie ist Ort der Reduktion und Kargheit par excellence, ein Zurückgeworfen-sein auf sich selbst, dem Leben und Über-leben ausgeliefert. 
Die Wüste ist ebenso der Ort von Oase und Fata Morgana - Erquickung und Täuschung.
Hier geschieht:
•    Selbstbegegnung
•    Selbsterkenntnis
•    Selbstoffenbarung
•    Selbsttäuschung

 

Hier kann sich verwurzeln und läutern, was Jesus zuvor in der Taufe als offener Himmel und Anruf erfahren hat:
Sohn Gottes zu sein.

 

Ist es nicht oft so, dass wir grad in Momenten der Euphorie den Boden unter den Füssen verlieren, uns überschätzen, irgendwie aus dem Lot kommen? Den Blick für die Realität verlieren?

 

Mit sich allein in der Wüste wird Verwiesenheit existenziell erfahren. Mit sich allein zu sein, ist nicht per se das Paradies und der Himmel auf Erden:
•    Wenn keiner mehr da ist, der mich ärgert - muss ich erfahren, dass es trotzdem Grund zum Ärgern zu geben scheint, der mich aus den Untiefen der Seelenfalten anschleicht…
•    Wenn Glück nicht mehr ans Aussen delegiert werden kann, muss es sich in denselben Untiefen der Seelenfalten verkrochen haben…


Wüste ist somit ein sehr ambivalenter Ort - ausgespannt zwischen den beiden Polen von Plus und Minus… 


Jesus hat sich selbst darin in der Mitte gefunden, somit zeigt die Versuchung deutlich, dass er in sich und im Eigentlich ruht und verankert ist - 
•    nicht auf die Schnelle Brot machen, um den leeren Magen zu füllen…
•    nicht (s)ein grosses Gottvertrauen spektakulär unter Beweise  stellen …
•    keinen Deal eingehen, um seinen eigenen Grössenwahnsinn zu befriedigen und zu füttern…

…und all dies nur, um sich zu beweisen und zu legitimieren (der Teufel wäre kaum darauf eingestiegen und hätte nur hämisch gegrinst…).

 

So gesehen, kann es auch uns passieren, dass wir uns dem Hl. Geist anvertrauen - und unversehens statt im Paradies in der Wüste landen! - Und das wäre dann DIE Chance, zum Eigentlichen und Wirklichen durchzufinden. 
So gesehen sind so genannte ‚Versuchungen‘ Lernfelder zur eigenen Reifung und Befähigung.
So gesehen, ist der Alltag jene Wüste, die bestanden werden will
und so gesehen, ist alles was mich ‚versucht‘ und ‚fordert‘ eine Art von Selbst-Prüfung:
•    was ist mir wichtig
•    worauf baue ich


Führung durch den Heiligen Geist hat viele Facetten, ebenso ‚Versuchung‘.
Es gilt daher auch zu prüfen, ist die Situation, die mich zurzeit ‚mahlt‘ eine Auf-gabe, der ich mich zu stellen habe - oder bin ich dahinein geraten, weil ich mich eben einer anstehenden Aufgabe verweigert habe?
- Wie immer die Antwort ausfallen mag, um die Kraft, das Licht und die bleibende Führung des Geistes Gottes kann ich stets bitten und beten - in der Gewissheit, dass auch ich stets geliebte Tochter, geliebter Sohn Gottes bin.

IM Anfang

Das erste Buch der Bibel beginnt mit der kurzen Feststellung:
IM Anfang schuf Gott Himmel und Erde (Gen 1, 1)

 

und das Evangelium von Johannes wird ebenfalls mit einer prägnanten Feststellung eröffnet:
IM Anfang war das Wort (Joh 1,1) 
einen Vers weiter wird dann angefügt:
IM Anfang war es bei Gott (Joh 1,2)

 

Dieses IM hat mich in diesem Jahr ‚gepackt‘. - Es heisst eben NICHT AM - sondern: IM.
Es gibt also quasi im Anfang drin noch etwas - kein davor, sondern darin - wie ein Keimling im Samen steckt, die ganze Potenz des Baumes schon anwesend!

 

Ähnliches erlebe ich beim Komponieren:
wenn das Stück, das in mir schlummerte, um das ich rang, reif ist, dann spüre ich, dass in der ersten Note schon die ganze Musik anwesend ist und klingt - es ist dieses Paradox:
im Beginnen bereits vom Anfang umschlossen zu sein!

 

Es ist für mich zugleich wie eine Verheissung, dass ich, dass wir alle mit unsern Anfängen letztendlich nicht von vorne anfangen - sondern schon umfangen sind von dem, was im Beginnen keimhaft angelegt ist.

 

Das mag auch fürs neue Jahr und Kommende Zuversicht schenken:
es kann nie ein Beginnen bei null sein - das Danach lebt immer vom Davor - auch das Neue kommt nicht aus dem Nichts, baut auf dem Vorhergehenden auf - selbst dann, wenn es sich in eine neue Richtung und Dimension hinein entwickelt.
- Denn: Neues-wollen braucht ja immer den Impuls einer Erkenntnis - und selbst wenn sie einen scheinbar aus dem (Geist erfüllten) Nichts überkommt - hat sie ihren Wurzelgrund im Bestehenden - und dann mag das Vergangene sozusagen der Humus und Kompost des Neuen sein.

 

So wünsche ich Ihnen und uns allen,
dass wir uns in unserm Beginnen vom Uranfang umfangen wissen:
von Gott der eben auch nicht vor sondern im Anfang - und somit ewig war, ist und sein wird - ohne Anfang und ohne Ende - und wir in IHM durch Teilhabe:


Mögen unsere Anfänge umfangen sein von der Ewigkeit - und darin behütet von Gott.

distanzlos

Gott ist und bleibt distanzlos - 
auch in diesem Jahr.
Er geht unter die Haut -
unter Menschenhaut -
fleischt sich ein -
wird wie Du und Ich.

 

Nicht bloss eine Zusage aus brennendem Dornbusch
‚Ich bin da‘,
Nein:
Mensch geworden,
ins Stroh unseres Alltages gelegt:


Ich bin nicht nur und einfach da -
Ich gehe alle Weg mit -
Ich kenne jeden Winkel des Lebens.
Das Menschsein mit Haut und Haar!

 

Wisse:
jeden Schmerz,
den Du kennst, hab auch ich gelitten,
jede Träne,
die Du weinst hab auch ich geweint.

 

- und bin doch geblieben -
und bleibe ewig -
und komme immer wieder.

 

Ob Du in diesem Jahr mein Klopfen besser hörst,
weil die Lieder verstummt,
die Musik leiser,
das Lachen und Plaudern weniger geworden ist?

 

Mein Geschenk
ist das Leben selbst -
das ich mit Dir teilen will.
Ich bin Dir nah -
Gott MIT Dir,
Gott FÜR Dich,
in allem pulsiert
mein Leben.

 

So wünsche ich Ihnen, dass Weihnachten zu einem lichtvollen und hoffnungsfrohen Fest werde, wo wir das Leben in seiner Nacktheit und Ungeschütztheit feiern und uns von ihm beschenken lassen. Gottes Nähe ist uns zugesagt - und die brauchen wir nötiger denn je! Da kommt Weihnachten als Angebot und Zusage Gottes grad richtig:
Eine gesegnete Festzeit - Gottes voll!

erwählt

Der offizielle Titel des Festes, das war am 8. Dezember alljährlich begehen, heisst  etwas sperrig:
Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria 

 

Manche/r reibt sich etwas verwundert die Augen, denn manch einem ist nicht ganz klar, was da eigentlich und warum gefeiert wird… Und gar schnell werden daher auch ziemlich abwegige Schlüsse gezogen - die in manchen Fällen weder etwas mit dem Festgeheimnis noch mit unserem konkreten Leben zu tun haben!
In einigen Pfarreiblättern wird daher schlicht auf ‚Erwählung Mariens‘ ausgewichen - etwas, das für ‚moderne Geister‘ wohl eher verständlich ist - und doch irgendwie ‚gar verkürzt‘ klingt...

 

Trotzdem:
Ich denke, wir sollten dem sperrigen Titel und seiner implizierten Aussage nicht ausweichen. Wenn wir darüber nachdenken, finden wir tatsächlich im ‚Kurztitel‘ den Anknüpfungspunkt zu unserem Leben:

 

Das Leben Mariens begann auf ‚natürlichem Wege‘, wie unser aller Leben. Das ist das eine. Das andere aber ist die besondere Erwählung, die schon im ersten Augenblick gegeben war: dass da ein Mensch heran reift, der nicht diesen Drall und Drang zur Sünde in sich hat, diese Verfallenheit hin zu Egoismus, Rücksichtlosigkeit, Sünde - ja, auch mit dem ‚Nein‘ zu Gott, seinem Plan und Willen.
Trotzdem ist Maria in ihrem freien Willen keineswegs ‚amputiert‘: ohne Sündverfallenheit ist sie keineswegs so ‚gottverfallen‘, dass sie blosse Marionette wäre!
Gerade das Evangelium, das an diesem Festtag verkündet wird, hebt es ins Bild und Wort:
Lk 1, 26 -38 spinnt die Geschichte der Erwählung von Anbeginn gleichsam weiter - Erwählung wird zur Aus-erwählung, Maria soll Mutter des Sohnes Gottes werden.
Und da kommt für mich das Überraschende, das Wunderbare zum Zuge:
Maria ist und bleibt eine eigenständig denkende, junge Frau, die Fragen stellt, nicht einfach und sofort Ja ruft - noch mehr:
Gott will sogar ihre freie Entscheidung!
Sie darf Fragen stellen, nachhaken, tiefer bohren. All das ist erlaubt - und schmälert ihre Hingabe keineswegs. Mariens Hingabe ist ‚trotz und mit Sündenlosigkeit‘ nicht einfach vorgespurt als Kadavergehorsam. Mariens Hingabe ist quasi ‚dialogische Hingabe‘, die verstehen will, was sie mitträgt, um es dann aus noch tieferem, selbst-bewussterem Hin-geben zu leben. Das Magnificat, das wir wenig später im selben Kapitel lesen (46ff) schlägt diese Töne des aufrechten Ganges an - und das in Demut und Bescheidenheit.

 

Wo aber liegt der Verknüpfungspunkt für uns?
Die Verknüpfung finde ich IN DER TAUFE.
Taufe ist ebenfalls Erwählung - und wenn wir sie als Baby empfangen haben - ist es Gottes Unterschrift unter einen Blankocheck - ohne unsere Vorleistung - einfach: Geschenk und Gnade.
Da beginnt die Geschichte Gottes mit uns, Seine grossen Pläne für uns - wir werden Tempel Gottes, dessen Antlitz wir schon immer trugen.
Und wir schreiben diese Geschichte aktiv mit - in Hingabe aus freiem Willen. - Die Taufe rüstet uns genauso aus, wie Maria durch die Bewahrung ausgerüstet war.
Nur… leider, leider…. leben wir ihre Offenheit auf Gott hin nicht immer. Wir verschliessen mal mehr, mal weniger unser Herz vor Gottes Willen, haben ‚bessere‘ Pläne als er, Wege, die uns angenehmer dünken… - Und Gott achtet die uns von ihm geschenkte Freiheit - und nicht nur das:
weil der Mensch, die Sehnsucht Gottes ist, baut Gott immer wieder Brücken der Liebe zur Heimkehr.

 

So können wir am 8.12. nicht nur der besonderen Erwählung Mariens gedenken, sondern uns ebenso an unsere Taufe erinnern. Dabei dürfen wir nebst allem Guten und Schönen, auch alle Um- und Irrwege in den Blick nehmen - und uns wieder voll Zuversicht in Gottes Arme werfen - der uns so sehr liebt, dass er Mensch werden wollte. - Und sich durch Maria unauslöschlich in die Geschichte der Menschen einbrannte.

 

Gott hat uns erwählt - aus diesem Bewusstsein dürfen wir unser Leben gestalten - und dieses Geschenk der Erwählung dürfen wir mit Maria am 8. Dezember in besonderer Weise dankbar feiern!

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